
Studie zeigt: Krebsrisiko steigt nach Nierentransplantation
Die Gefahr an Krebs zu erkranken, steigt nach einer Nierentransplantation erheblich an. Dabei stehen besonders Tumorarten im Vordergrund, die von Viren verursacht werden, heißt es in einer australischen Studie [1]. Die australischen Forscher verfolgten Krebserkrankungs-Fälle bei Nierenempfängern zwischen 1982 und 2003. In diesem Zeitraum hatten rund 29.000 Australier wegen schwerer Nierenerkrankungen eine neue Niere bekommen.
Nicht berücksichtigt wurde Hautkrebs vom Nicht-Melanomtyp und Krebsarten von denen bekannt ist, dass sie zu Nierenerkrankungen mit völligem Organversagen führen können. Trotzdem zeigte sich, dass das Gesamt-Krebsrisiko nach einer Nieren-Übertragung etwa 3,3-mal höher ist als vor dem Eingriff. „Wir haben herausgefunden, dass die Krebs-Neuerkrankungsrate ausgeprägt erst nach einer Nieren-Transplantation ansteigt, während es in den fünf Jahren vor und während der Dialyse nur eine geringe Zunahme gibt“, so Dr. Claire Vajdic von der Universität in Sydney, die leitende Expertin der Forschergruppe. „Zudem steigt das Krebsrisiko nach der Organ-Übertragung bei einem weitaus breiteren Spektrum von Krebsarten und betroffenen Organsystemen an, als bisher angenommen“.
Bei 18 von 25 erfassten verschiedenen Krebstypen, so die Studienergebnisse, steigt das Krebs-Erkrankungsrisiko nicht nur signifikant, sondern sogar um mehr als das Dreifache an. Bei immerhin 13 dieser Krebsarten ist eine virale Ursache bekannt oder wird vermutet. So werden fünf Krebsarten von Zunge, Mund, Vulva, Scheide oder Penis durch den humanen Papillomavirus (HPV) verursacht. HPV könnte zudem für vier weitere Tumore mitverantwortlich sein (Auge, Speicheldrüse, Speiseröhre, Nasenhöhle).
Die Ursache der bekannten Zunahme von Krebs nach Organ-Transplantation ist nach gängiger Auffassung die Unterdrückung von Immunsystem-Funktionen und nicht die Transplantation selbst. Nach einer Nieren-Transplantation müssen die Patienten Medikamente einnehmen, die eine Organ-Abstoßung durch das körpereigene Abwehrsystem verhindern sollen. Diese Medikamente unterdrücken das Immunsystem, also die körpereigene, natürliche Abwehr von fremden Zellen, Geweben oder Organen. Und können so dazu führen, dass die Infektionsgefahr steigt und/oder vorher „schlafende“ virale Infektionen wieder aktiv werden. Die Hypothese heißt also: Die Immun-Suppression führt zu chronischen Virus-Infektionen, die wiederum zur Ursache von Krebs werden können.
Immunsuppression [zu lateinisch suppressio „das Unterdrücken“], künstliche Unterdrückung oder Abschwächung der Immunreaktion des Organismus zur Behandlung von Autoimmunkrankheiten oder zur Verhinderung von Transplantatabstoßungen. Eine Immunsuppression ist oft mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden, vor allem einer allgemeinen Schwächung der Abwehr gegen Infektionskrankheiten oder gegenüber im Körper vorhandenen Erregern, einer verzögerten Wundheilung, Störungen der Blutbildung und einem erhöhten Risiko der Entstehung bösartiger Geschwülste.
(Quelle: Der Brockhaus multimedial (Version 9). Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim, 2007.
Kommentar Dialyse.de: Dass die Unterdrückung körpereigener Abwehrfunktionen bei vielen Organempfängern nicht folgenlos bleibt, ist schon lange bekannt. Auch nach Nierentransplantationen. Tatsächlich neu ist aber, in welchem Umfang die Gefahr von Krebserkrankungen steigt und vor allem, in welchem Umfang krebsverursachende Virus-Infektionen daran schuld sind. Dies dürfte auch die Grundlagenforschung erheblich anregen. Für Nierenpatienten ist hingegen wichtig,
- die Studie stellt nicht den hohen lebensrettenden Wert einer Nieren-Transplantation für Patienten mit finaler Nierenerkrankung infrage. Das Sterberisiko ist bei Patienten unter Dialyse viermal höher als bei Patienten, die erfolgreich transplantiert werden,
- die erhöhte Krebs-Gefahr zu kennen und ihr durch regelmäßiges Tumorscreening in Rücksprache mit qualifizierten Behandlern zu begegnen,
- sich vor einer Transplantation ausführlich beraten zu lassen, ob die gerade auf den Markt gekommen HPV-Impfung individuell sinnvoll ist und die Gefahr von, durch Humanpapillomviren verursachten Krebsarten verringern könnte.
Autor
Rainer H. Bubenzer - multi MED vision - Berliner Hamburger Medizinredaktion, Juni 2007.
Quelle
- Vajdic CM, McDonald SP, McCredie MR, van Leeuwen MT, Stewart JH, Law M, Chapman JR, Webster AC, Kaldor JM, Grulich AE: Cancer incidence before and after kidney transplantation. JAMA. 2006 Dec 20;296(23):2823-31 (Kurzfassung).

