
Zuckerkranke Dialyse-Patienten: Geschmacksempfindung oft beeinträchtigt
Sehr viele Dialyse-Patienten sind mangelernährt [1], vor allem hinsichtlich überlebensnotwendiger Eiweiße [2]. Störungen des Geschmacks-Empfinden sind eine der vielen möglichen Ursachen [3, 4]. Besonders deutlich ist dies bei zuckerkranken Dialyse-Patienten [5], aber auch bei Diabetes mellitus-Patienten ohne Nieren-Erkrankung [6]. Die von japanischen Forschern Dialyse-Patienten mit Diabetes mellitus im Vergleich zu Patienten ohne Zuckerkrankheit festgestellte Verschlechterung des Geschmacks-Empfinden könnte erklären, warum diabetische Dialyse-Patienten häufiger mangelernährt sind [5].
Zusammenfassung Immer wieder wird vermutet: Weil es Dialyse-Patienten nicht schmeckt, essen sie nicht richtig. Ihre mangelhafte Ernährung habe also mit ihrem Geschmacksempfinden zu tun. Dies soll besonders auch bei diabetischen Patienten mit terminalem Nierenversagen so sein, wie die hier kurz vorgestellte Studie aus Japan naheliegt. So eindeutig wie die appetitanregende Wirkung von leckerem Essen sind die wissenschaftlichen Beobachtungen aber nicht.
Im Rahmen der japanischen Studie wurden jeweils 24 diabetische sowie - als Kontrolle - 24 nicht-diabetische Hämodialyse-Patienten ausgewählt, wobei beide Gruppen sich nach Alter, Bodymass-Index (ein Standardmaß zur Beurteilung des Körpergewichtes) und Dauer der Dialyse-Therapie entsprachen. Es wurden die Empfindung für die vier Grund-Geschmacksrichtungen (süß, sauer, salzig, bitter) geprüft, indem die Patienten gebeten wurden, sie in unterschiedlichen Konzentrationen zu bewerten.
Die statistische Analyse der dabei erhobenen Daten weisen darauf hin, dass die Empfindung von bitterem Geschmack und von Geschmack insgesamt bei diabetischen Dialyse-Patienten signifikant beeinträchtigt ist. Zudem wurde bei diesen Patienten festgestellt, dass eine verringerte Empfindung für süßen, salzigen oder Geschmack insgesamt statistisch mit erhöhtem Eiweiß-Abbau im Körper zusammenhängt (einer Folge eines verschlechterten Ernährungszustandes). Weder das Alter der Patienten noch die Dauer der Dialysebehandlung hatten einen Zusammenhang mit diesen Ergebnissen.
Quelle: Der Brockhaus multimedial 2007. Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus, Mannheim, 2007.
Kommentar: So logisch die Schlussfolgerung „verschlechtertes Geschmacksempfinden -> geringerer Appetit -> reduzierte Eiweißaufnahme -> verschlechterter Ernährungszustand -> erhöhte Krankheitsrate und Sterblichkeit“ auch sein mag - eine Vielzahl wesentlicher Fragen bleiben völlig unbeachtet: Zum einen führt ein verringertes Geschmacksempfinden für „bitter“ nicht zum Appetit-Verlust [7], dies würde viel eher bei nachlassender Wahrnehmungs-Fähigkeit für „süß“ passieren [8]. Viel entscheidender ist jedoch, dass die japanischen Forscher zum anderen ganz wesentliche - ausgerechnet erstmals in Japan beschriebene - Geschmacksqualitäten außer Acht gelassen haben. Und dies, obwohl sie signifikant zur Appetitanregung beitragen - vor allem die Geschmacksqualität „umami“ („lecker“, „herzhaft“, „bouillonartig“, ausgelöst unter anderem durch Natriumglutamat) [9]. Wenn es der Lebensmittelindustrie mit vorsätzlicher Anregung von „umami“- sowie den vermuteten „fett“-Rezeptoren [10] gelingt, dass ihre Kunden immer größere und immer ungesündere Nahrungsmengen verzehren, sollte eine moderne Ernährungsführung auch in der Lage sein, Tausenden von mangelernährten Dialyse-Patienten wirksame Hilfen anzubieten.
Autor
Rainer H. Bubenzer, Berliner Medizinredaktion, Juli 2007.
Quellen
- Zeier M: Risk of mortality in patients with end-stage renal disease: the role of malnutrition and possible therapeutic implications. Horm Res. 2002;58 Suppl 3:30-4 (Kurzfassung).
- Shinaberger CS, Kilpatrick RD, Regidor DL, McAllister CJ, Greenland S, Kopple JD, Kalantar-Zadeh K: Longitudinal associations between dietary protein intake and survival in hemodialysis patients. Am J Kidney Dis. 2006 Jul;48(1):37-49 (Kurzfassung).
- Fernstrom A, Hylander B, Rossner S: Taste acuity in patients with chronic renal failure. Clin Nephrol. 1996 Mar;45(3):169-74 (Kurzfassung).
- Vreman HJ, Venter C, Leegwater J, Oliver C, Weiner MW: Taste, smell and zinc metabolism in patients with chronic renal failure. Nephron. 1980;26(4):163-70 (Kurzfassung).
- Matsuo S, Nakamoto M, Nishihara G, Yasunaga C, Yanagida T, Matsuo K, Sakemi T: Impaired taste acuity in patients with diabetes mellitus on maintenance hemodialysis. Nephron Clin Pract. 2003;94(2):c46-50 (Kurzfassung).
- Perros P, MacFarlane TW, Counsell C, Frier BM: Altered taste sensation in newly-diagnosed NIDDM. Diabetes Care. 1996 Jul;19(7):768-70 (Kurzfassung).
- Drewnowski A: The science and complexity of bitter taste. Nutr Rev. 2001 Jun;59(6):163-9 (Kurzfassung).
- Rogers PJ, Blundell JE: Separating the actions of sweetness and calories: effects of saccharin and carbohydrates on hunger and food intake in human subjects. Physiol Behav. 1989 Jun;45(6):1093-9 (Kurzfassung).
- Yamaguchi S: Basic properties of umami and effects on humans. Physiol Behav. 1991 May;49(5):833-41 (Kurzfassung).
- Mizushige T, Inoue K, Fushiki T: Why is fat so tasty? Chemical reception of fatty acid on the tongue. J Nutr Sci Vitaminol (Tokyo). 2007 Feb;53(1):1-4 (Kurzfassung).

