
Hohes Lebensalter: Dialyse trotzdem möglich
Ein Damokles-Schwert, das über der Dialysepatienten-Arzt-Beziehung schwebt, ist die Frage nach der Lebenserwartung bei chronischer Hämodialyse. Die Frage „Wie lange habe ich noch zu leben?“ ist kaum jemals individuell korrekt zu beantworten, auch wenn das oft erwartet wird. Auch die Erwähnung irgendwelcher statistischer Durchschnittswerte beantwortet nicht die drängenden Lebensfragen von Patienten und Angehörigen. Die Ergebnisse einer aktuellen kanadischen Untersuchung könnten jetzt immerhin dabei helfen, so meinen Forscher aus Toronto und Calgary, im Beratungsgespräch nützliche Hinweise zur Prognose bei älteren Patienten zu geben, wenn diese mit einer Dialyse beginnen müssen. Nach ihrer Analyse ist zwar die Lebenserwartung bei Hämodialyse-Beginn in höherem Lebensalter weiterhin niedrig, sie hat sich jedoch - wenigstens in Kanada - innerhalb kurzer Zeiträume um bis zu 20 Prozent erhöht [1].
Insgesamt wurden Behandlungs- und Krankheitsverlauf-Daten von 14.512 Patienten im Alter von 65 Jahren und darüber analysiert, die im Zeitraum 1990 bis 1999 mit einer chronischen Hämodialyse-Therapie begonnen hatten. Die Daten stammten aus dem Kanadischen Organersatz-Register, einer freiwilligen staatlichen Erfassungsstelle, bei dem rund 93% aller kanadischen Dialysepatienten registriert sind. Besonders interessierte die Forscher, ob die Lebenserwartung sich im Vergleich von Zeitraum 1 (zwischen 1990-1994) zu Zeitraum 2 (zwischen 1995-1999) irgendwie verändert hatte. Und zwar - wiederum im Vergleich - bei Patienten im Alter zwischen 65-74 Jahren und jenen im Alter von 75 und darüber. Die Patienten wurden vom Zeitpunkt des Dialysebeginns bis zu ihrem Tod, einer Nierentransplantation, sonstiger Nichterreichbarkeit oder dem Ende der Studienlaufzeit am 31.12.2004 nachbeobachtet. Es zeigte sich, dass der Anteil von Menschen, bei denen ab dem Alter von 75 Jahren eine Dialyse begonnen wurde, zwischen Zeitraum 1 und 2 erheblich anstieg. Obwohl im Vergleich beider Zeiträume Begleiterkrankungen immer häufiger werden („Komorbidität“, zum Beispiel Herzkreislauferkrankungen oder Diabetes), nahm im Alter zwischen 65-74 die Lebenserwartung um signifikante 15-20 Prozent zu. Bei den noch älteren Patienten war die Zunahme der Lebenserwartung ebenfalls signifikant, aber nicht so ausgeprägt. Alle Veränderungen der Lebenserwartung blieben auch dann bestehen, wenn statistisch der Einfluss von Diabetes, Geschlecht und Begleiterkrankungen korrigiert wurde. Während zur Studienaufnahme noch mehr als 25 Prozent der Patienten eine Dialyse zu Hause bekamen (Peritoneal-Dialyse, Heim-Hämodialyse, nächtliche Heim-Hämodialyse), sank der Anteil allmählich ab - in den ersten Monaten schon auf die Hälfte. 2,4 Prozent der Dialyse-Patienten bekamen eine neue Niere.
| Studienzeitraum; geschätzte Lebenserwartung (Mittelwert in Jahren) | ||
|---|---|---|
| Alter bei Beginn der Dialyse (in Jahren) | 1990-1994 | 1995-1999 |
| 65-69 | 3,68 | 4,62 |
| 70-74 | 3,09 | 3,92 |
| 75-79 | 2,73 | 3,19 |
| ≥ 80 | 2,14 | 2,59 |
| nach Jassal et al. (2007) | ||
Ursache des Lebenserwartung-Anstiegs unklar
Die Studie sollte die Überlebensrate bei Beginn der Dialyse über 65 untersuchen, und war nicht darauf angelegt, die starke Erhöhung der Lebenserwartung bei Patienten, die in dem zweiten Zeitraum mit der Dialyse begonnen hatten, auch zu erklären. Sicher ist, dass die registrierte Zunahme der Lebenserwartung der älteren und alten Dialysepatienten weit über der Zunahme der Lebenserwartung in der kanadischen Bevölkerung insgesamt liegt (durchschnittliche Zunahme: 2-3 Prozent pro Jahrzehnt), also den Effekt nicht erklärt. Andere Möglichkeiten könnten Veränderungen in der Dialysetherapie selbst (neuere Membranen, andere Technologien oder der Einsatz von Erythropoietin), Fortschritte in der Medizin insgesamt oder neue Medikamente sein. Die Autoren spekulieren, dass vielleicht auch die durch viel Öffentlichkeitsarbeit in der kanadischen Bevölkerung stark angestiegene Aufmerksamkeit hinsichtlich chronischer Nierenerkrankungen zu einer rechtzeitiger einsetzenden Dialysetherapie geführt haben könnte.
Trotz der offensichtlichen Verbesserungen bleibt die Gesamt-Lebenserwartung von Menschen die mit über 65 chronische Dialyse-Patienten werden, so resümieren die Autoren einerseits, mit unter 5 Jahren sehr niedrig. Andererseits sollte ein hohes Lebensalter allein kein Argument mehr, so heißt es weiter, nicht mehr mit einer Dialyse zu beginnen. Geht es bei der Beratung um die Prognose, sollte zudem nicht allein die durchschnittliche Lebenserwartung erörtert werden, sondern auch die Auswirkung einer Dialyse auf die Lebensqualität.
Kommentar Dialyse.de Dass immer mehr ältere Patienten dialysepflichtig werden, ist angesichts der ungebrochen steigenden Lebenserwartung in der westlichen Welt kein Wunder. Genauso wenig wie die „Einsicht“, dass Begleiterkrankungen bei diesen Patienten häufiger sind als bei jüngeren. Ob jedoch medizinische Veränderungen, verstärkte Gesundheits-Aufklärung oder ganz andere Ursachen für die beobachtete Erhöhung der Lebenserwartung verantwortlich sind, bleibt dringend zu klären. Nicht zuletzt angesichts der anhaltend katastrophalen Lebenserwartung vieler Dialysepatienten, die dringend auf weitere Optimierungen ihrer Behandlung hoffen.
Autor
Rainer H. Bubenzer, Berliner Medizinredaktion, Dezember 2007.

