
Das Ende der Schmerzmittel-Nierenschäden
Rund 50 Jahre ist es her, dass die nierenschädigenden Wirkungen des Schmerzmittels Phenacetin erstmals beschrieben wurden („Phenacetin-Niere“). Doch dauerte es noch Jahrzehnte bis zu dem endgültigen Aus für den Wirkstoff. Doch der Schock saß tief – tausende Phenacetin-Verwender weltweit waren dialysepflichtig geworden – Schmerzmittel allgemein wurden kritisch beäugt – in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde sogar der Begriff „Analgetika-Nephropathie“ (Nierenschaden durch Schmerzmittel) eingeführt – Paracetamol oder Schmerzmittel in Kombination mit Koffein fielen ebenfalls unter Generalverdacht. Eine neue Studie räumt jetzt mit den Vorurteilen gegenüber (freiverkäuflichen) Schmerzmittel und nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) auf: Bei Patienten unter 50 Jahren mit finalem Nierenversagen und Dialysepflicht fanden sich keinerlei Hinweise darauf, dass die Nierenschäden durch Schmerzmittel ausgelöst oder verursacht waren [1].
Dr. Fokke J. van der Woude von der Uniklinik Heidelberg-Mannheim und seine Kollegen verglichen in einer bevölkerungsbasierten Studie 907 Patienten mit finalem Nierenversagen im Alter unter 50 Jahren mit 3.622 gesunden Kontroll-Personen, die jeweils niemals phenacetinhaltige Schmerzmittel verwendet hatten. Dabei fand sich keinerlei statistische Assoziation zwischen dem späteren Auftreten des Nierenversagens und der Verwendung von phenacetinfreien Schmerzmittel (bis 3,5 kg kumulierte Maximalmenge pro Lebenszeit). Und zwar unabhängig davon, ob es sich um Monopräparate handelte, die nur einen Wirkstoff enthielten, oder um Kombipräparate aus mehreren Wirkstoffen. Zudem konnte die Forschergruppe keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen der Gefahr eines terminalen Nierenversagens und der Dosierung und/oder Anwendungsdauer der Wirkstoffe mit oder ohne Koffein als Zusatz feststellen. Das Fehlen des Nierenrisikos bei phenacetinfreien Schmerzmitteln zeigte sich auch bei jenen Patienten vor, die unter einer Grundkrankheit litten, die zu terminalem Nierenversagen führen kann.
Was vielleicht noch erstaunlicher ist: Die Forscher konnten für die meisten Analgetika sogar ein verringertes Risiko eines terminalen Nierenversagens zeigen, wenn diese in geringer Dosierung und über eine längere Zeit eingenommen worden waren. „Diese Ergebnisse lassen vermuten, dass es bei Menschen unter 50 keine Assoziation zwischen terminalem Nierenversagen und Schmerzmittel-Verwendung gibt – weder hinsichtlich spezieller Wirkstoffe noch hinsichtlich ihrer Kombinationen mit oder ohne zusätzliches Koffein“, resümiert das Forscherteam, „was wir als starken Hinweis darauf werten, dass phenacetinfreie Schmerzmittel kein terminales Nierenversagen induzieren“. Eine Folge hiervon sei natürlich, jetzt den Begriff „Analgetika-Nephropathie“ neu zu überdenken.
Kommentar Dialyse.de Diese positiven Ergebnisse deuteten sich schon im Rahmen anderer Studien der letzten Jahre an. Beispielsweise decken sie sich mit Autopsie-Ergebnisse Schweizer Pathologen, die zu dem Schluss kommen, dass analgetikabedingte Nierenschäden praktisch überhaupt nicht mehr vorkommen [2]. Und dies obwohl die Nutzung freiverkäuflicher Schmerzmittel wie Paracetamol nicht abgenommen hat. Dass die Ergebnisse kein Freibrief für freiverkäufliche Schmerzmittel sein können, muss aber auch klar sein – sie haben einfach zu viele Nebenwirkungen – beispielsweise Magenblutungen oder analgetika-induzierte Kopfschmerzen. Und: Deutschland ist ein Entwicklungsland der Schmerz-Behandlung, wie die Schmerztherapeuten immer wieder betonen. Für Dialysepatienten, die oft unter Schmerzen leiden und noch öfter keine angemessene Schmerztherapie erhalten [3], könnten die vorgestellten Studienergebnisse bedeuten: Wenn die unbestimmte ärztliche Furcht vor Schmerzmitteln nachlässt, zeigen sich die individuell passenden Möglichkeiten für eine angemessene Schmerztherapie, auf die jeder Schmerzpatient ein Recht hat.
Autor
Rainer H. Bubenzer, Berliner Medizinredaktion, Januar 2008.
Quellen
- van der Woude FJ, Heinemann LA, Graf H, Lewis M, Moehner S, Assmann A, Kuhl-Habich D: Analgesics use and ESRD in younger age: a case-control study. BMC Nephrol. 2007 Dec 5;8(1):15 (Medline), Volltext).
- Mihatsch MJ, Khanlari B, Brunner FP: Obituary to analgesic nephropathy -- an autopsy study. Nephrol Dial Transplant. 2006 Nov;21(11):3139-45 (Medline).
- Davison SN: Pain in hemodialysis patients: prevalence, cause, severity, and management. Am J Kidney Dis. 2003 Dec;42(6):1239-47 (Medline).
- Bailie GR, Mason NA, Bragg-Gresham JL, Gillespie BW, Young EW: Analgesic prescription patterns among hemodialysis patients in the DOPPS: potential for underprescription. Kidney Int. 2004 Jun;65(6):2419-25 (Medline).

