
Lesetipp: Abenteuer Dialyse – Menschen und Technik
Die medizinische Versorgung von Dialyse-Patienten ist heutzutage selbstverständlich. Jeder Patient und jede Patientin bekommt in Deutschland einen Dialyse-Platz. Doch das war nicht immer so. In „Abenteuer Dialyse“ werden Einblicke in die Entwicklung der Dialyse-Verfahren gegeben. Das Buch hat eine persönliche Note, denn die Autorinnen Petra Knödler und Elisabeth Pfinder-Nohe sind Dialyse-Schwestern mit 30jähriger Berufserfahrung. Zunächst liefern die Autorinnen eine medizinhistorische Einführung. Dabei gehen sie chronologisch vor, nennen die Pioniere der Nephrologie (19. Jahrhundert), die Anfänge der Behandlung von Nierenerkrankungen und kommen schließlich zu Dialyse-Verfahren des 20. Jahrhunderts. Beim Lesen wird deutlich, dass Dialyse-Verfahren noch gar nicht so alt sind: So mussten noch 1929 die ersten Dialyseversuche eingestellt werden. Erst dreißig Jahre später war die Technik soweit, dass der erste Dialyse-Patient erfolgreich dialysiert werden konnte. Die Autorinnen stellen ausgewählte Dialyse-Verfahren und deren Erfinder vor. Dabei vergessen sie nicht, die Leidenswege der Patienten zu beschreiben. Denn in vielerlei Hinsicht waren Patienten Versuchskaninchen. Die Technik entwickelte sich langsam, Fehler passierten, die auf dem Rücken der Patienten ausgetragen wurden. Und so mussten Patienten nicht selten beispielsweise bis zu 24-stündige Dialysierzeiten, verschiedene Kathetertechniken oder Dialyselösungen über sich ergehen lassen.
Nach dem theoretischen Teil blicken die Autorinnen auf den Alltag einer Dialyse-Station (Stuttgarter Katharinenhospitals) während der 60iger und 70iger Jahre zurück, was bereits jetzt ein Stück beeindruckende Medizingeschichte ist. Besonders interessant wird es, wenn die langjährigen Dialyse-Schwestern aus dem Nähkästchen plaudern. Durch ihre persönlichen Blickwinkel führen sie die großen Probleme vor, die aufgrund unvollständiger Technik oder mangelndem Wissen noch vor 30 Jahren von den Patienten und dem Personal bewältigt werden mussten. Ein Beispiel, dass eher an die Waschküche einer Großmutter erinnert: „In der Akutdialyse gab es anfangs noch keinen Tank mit dem vorbereiteten Dialysat, vielmehr wurden Weichwasser, Elektrolyte und Zucker von Hand direkt im Spulentopf vermischt. Versäumte man das, weil dieses Verfahren nicht der Routine in der Abteilung entsprach, führte das beim Patienten zu einer lebensbedrohlichen Hämodialyse“. Die Autorinnen beschreiben wie mit Risiken wie Hepatitis umgegangen wurden, als es noch keine Impfungen dagegen gab. Oder wie Patienten versuchsweise mit Testosteron behandelt wurden, in der Hoffnung das Blutbild würde sich verbessern. Die Testosteron-Behandlungen mussten jedoch bald wegen der schwerwiegenden Nebenwirkungen abgesetzt werden.
Im letzten Teil des Buches kommen schließlich eine Patientin, ein Patient und eine Angehörige eines Dialyse-Patienten zu Wort. Die einzige Gemeinsamkeit der vorgestellten Patienten: Ihnen wurde nach der Diagnose eine Lebenszeit von drei Jahren vorausgesagt. Doch alle Patienten schafften es, 30 Jahre zu überleben. Wie und unter welch widrigen Umständen, bilden die persönlichen Berichte ab. Sie zeigen ihren Mut, die innere Kraft und geben Bespiele der vielseitigen Unterstützung, die Familienangehörige und Freunde zu geben vermögen.
Das Buch von Knödeln und Pfinder-Nohe ist 2005 im Selbstverlag erschienen. Vielleicht nicht ohne Grund. Vermutlich hat sich kein Verlag gefunden, der die oft subjektiven, engagierten Berichte der Dialyse-Schwestern abdrucken wollte. Die ehrliche und zum Teil unverblümte Art, mit der Schwierigkeiten, technische Entwicklungen oder Behandlungen beschrieben werden, sind trotzdem einmalig, dürften sich so kaum in anderen Büchern finden lassen. Die Beschreibungen dieses Buches gehen manchmal unter die Haut. Sie zeigen, zu welchen Opfern Menschen bereit sind, welchen Schmerzen sie sich stellen (müssen), um zu leben. Zum Schluss ist auch von Dankbarkeit die Rede. Davon, dass das Leben für Dialysepatienten einen anderen Wert bekommen hat: Es sind nicht die großen Erlebnisse oder Ziele wie Reisen oder Karriere bedeutsam, weil sie vielen ohnehin nicht möglich sind. Es sind die kleinen Momente, oft auch im Kreise geliebter Menschen, die das Leben kostbar und lebenswert machen.
Petra Knödler, Elisabeth Pfinder-Nohe: Abenteuer Dialyse – Menschen und Technik.
Verlag Books on Demand, Norderstedt, 2005. 268 Seiten, ISBN 3-8334-3904-1, EUR 19,90.
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Autorin
Marion Kaden, Berliner Medizinredaktion, Januar 2008.

