
Raumfahrt-Medizin: Kochsalz-Speicherung im Bindegewebe
Nimmt ein Mensch zu viel Kochsalz (chemisch NaCl) zu sich, werden Mechanismen in Gang gesetzt, die schädliche Folgen eines Zuviels an Natrium verhindern und letztlich den Überschuss an Natrium wieder aus dem Körper entfernen sollen. Ein erster Schritt ist die vermehrte Einlagerung von Wasser im Gewebe, die dafür sorgen soll, dass die Konzentration von Natrium in den Körperflüssigkeiten stabil bleibt. Damit hierfür genügend Wasser zur Verfügung steht, nimmt auch der Durst zu. Bei Nierengesunden wird schließlich die Natriumausscheidung über die Nieren gesteigert. Kürzlich entdeckten Weltraum-Mediziner einen weiteren Mechanismus zur Salzregulation, der das bisherige Verständnis der Salz- und Wasserhaushaltes erheblich erweitert. Und zudem aufzeigt, warum Dialysepatienten – bei denen ja die Nierenausscheidung nicht mehr existiert – hinsichtlich der Natrium-Aufnahme etwas entspannter sein können, als bislang angenommen.
Natrium-Ausscheidung Das Mengenelement des Wasserhaushaltes – Natrium – kann von Patienten mit Nierenversagen nicht mehr über den Urin ausgeschieden werden. So erhöht sich die Gesamt-Natriummenge in ihrem Körper (auch „positive Natrium-Bilanz“ genannt). Dies führt zu Wasser-Einlagerungen („Ödemen“) und ist mitverantwortlich für den Bluthochdruck („Hypertonie“) der Dialysepatienten. Natrium wird bei der Dialyse-Behandlung aus dem Körper entfernt. Da Kochsalz („Natriumchlorid“, chemisch NaCl) Hauptquelle des zugeführten Natriums in Getränken und Nahrungsmitteln ist, wird Dialysepatienten allgemein eine Beschränkung ihrer Kochsalz-Zufuhr empfohlen. Auf jeden Fall dann, wenn es zu Ödemen und/oder Hypertonie kommt.
In der Schwerelosigkeit im All gibt es einige Veränderungen des Natrium- und Wasserhaushaltes, die der Forschung zahlreiche Rätsel aufgegeben haben. Ähnlich wie bei vielen Dialysepatienten verringert sich bei Astronauten das Geschmacksempfinden. Das führt unter anderem dazu, dass sie gerne ihr Essen stärker salzen als unbedingt nötig (Salz als Geschmacksverstärker), was zu erhöhter Natrium-Aufnahme führt. Zudem verringert sich unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit die Urin-Ausscheidung und damit auch zu einer verringert Natrium-Ausscheidung. Trotzdem aber, und dies gab die größten Rätsel auf, führt dies nicht zu der eigentlich erwarteten, starken Wassereinlagerung in den Körpergeweben (Ödembildung). Zahlreiche Untersuchungen am Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin des Deutsches Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) in Köln zeigten schließlich, dass der Körper offensichtlich Salzspeicher-Fähigkeiten besitzt, die bislang völlig unbekannt gewesen waren. Und zwar konnte gezeigt werden, dass ein Zuviel von Natrium in nicht unerheblichem Umfang an Glykosaminglykane (GAG, „Mucopolysaccharide“, gerüstbildende, wasserspeichernde, elastische Kohlenhydrat-Großmoleküle) gekoppelt wird und auf diese Weise im Bindegewebe gespeichert werden kann [1]. Das Natrium findet sich also nicht mehr gelöst in den Körperflüssigkeiten, sondern ist an andere Substanzen im Körper gebunden. Weitere Studien, so berichtete Prof. Dr. Hans-Günter Ruyters vom DLR, Bonn-Oberkassel, gegenüber Dialyse.de, versuchen seither die Auswirkungen dieses neuartigen Natrium-Speichermechanismus auf die menschliche Gesundheit zu untersuchen. Beispielsweise auf den salzabhängigen, „salzsensitiven“ Bluthochdruck, die Natrium-Regulation und den Säure-Basen-Haushalt insgesamt oder den Knochenstoffwechsel [2].
„Ich muss salzen!“ Obwohl der Körper kaum mehr als 5-6 Gramm Kochsalz täglich benötigt, essen wir im Durchschnitt die doppelte oder sogar die dreifache Menge. Viele Menschen haben das Gefühl, dass ihr Essen ohne Salz nicht mehr schmeckt. Doch bildet sich diese Gewöhnung an einen salzigen Geschmack rasch zurück, wenn die Speisen weniger gesalzen werden. Nach kurzer Zeit kehrt dann das Empfinden für den Eigengeschmack der Speisen zurück. Bei konsequenter Verringerung der Salzzufuhr wird meistens nach 2-3 Wochen eine Anpassung des Geschmacksempfinden beobachtet.
Kommentar Dialyse.de Auch wenn die neuen Forschungsergebnisse darauf hindeuten, dass der Körper einen Natrium-Überschuss zeitweilig auch nierenunabhängig in den Griff bekommen kann – der Salzstreuer sollte bei Dialyse-Patienten auch in Zukunft weit weg stehen. Der Hauptgrund: Viele Dialyse-Patienten neigen zu einer, gelinde gesagt „ungesunden“ Ernährung mit viel Fertigprodukten und Junkfood. Damit nehmen sie nicht nur zu viel Kochsalz auf, sondern auch zu viel Phosphate [3]. Auch wenn Natrium bei der Dialyse wieder aus dem Körper entfernt wird und Phosphatbinder (zum Beispiel Lanthancarbonat) Nahrungsphosphate vor der Aufnahme in den Körper binden können, verbessert eine gesunde, vollwertige Ernährung die Behandlungserfolge.
Autor
Rainer H. Bubenzer, Berliner Medizinredaktion, Januar 2008.
Quellen
- Gerzer R, Heer M: Regulation of body fluid and salt homeostasis -- from observations in space to new concepts on Earth. Curr Pharm Biotechnol. 2005 Aug;6(4):299-304 (Medline).
- Frings-Meuthen P, Baecker N, Heer M: Low-Grade Metabolic Acidosis May Be the Cause of Sodium Chloride Induced Exaggerated Bone Resorption. J Bone Miner Res. 2007 Dec 3 (Medline, Volltext).
- Butt S, Leon JB, David CL, Chang H, Sidhu S, Sehgal AR: The prevalence and nutritional implications of fast food consumption among patients receiving hemodialysis. J Ren Nutr. 2007 Jul;17(4):264-8 (Medline, Volltext).

