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Dialyse & Neues aus der Medizin

Empfohlene Kalzium-Tagesmengen fördern Knochenbrüche

Kalzium-Tagesmengen fördern Knochenbrüche

Wie eine Gebetsmühle (siehe Wikipedia) wiederholen praktisch alle Ernährungs-Experten in Deutschland: Ein bis anderthalb Gramm des Mengenelementes Kalzium (chemisches Kurzzeichen Ca) pro Tag seien nötig, um gesund zu bleiben. Und weiter: Bei Älteren beuge kalziumreiche Nahrung Knochenschwund („Osteoporose“) vor, am besten noch kombiniert mit Kalzium-Tabletten. Dies verhindere auch den lebensgefährlichen Bruch des Oberschenkelhalses („Schenkelhals-Fraktur“, häufige Todesursache älterer Menschen). Doch dieser Botschaft einer unheiligen Allianz aus Fleisch- und Milchproduzenten und Herstellern von Kalzium-Ergänzungspräparaten wird jetzt von einem Forscherteam aus der Schweiz und den USA entschieden widersprochen: Kalzium in den derzeit empfohlenen Mengen kann sogar das Gegenteil bewirken wie behauptet – nämlich zu mehr Oberschenkelbrüchen führen [1].

Aktuelle Lehrbuchmeinung
„Kalium (Ca). Empfohlene Zufuhr (älter als 19 J.): 1000 mg Ca/Tag. ... Die Versorgungslage von Kalzium in Deutschland ist nicht ausreichend. Insbesondere bei Kindern, Jugendlichen, Frauen und älteren Menschen liegen Defizite vor. ... Milch- und Milchprodukte sind sehr gute Kalziumquellen.“
zitiert aus: Koula-Jenik H, Kraft M, Miko M, Schulz RJ (Hrsg.): Leitfaden Ernährungsmedizin. Urban & Fischer Verlag, München, 2006.

Die Forscher fassten Studien-Ergebnisse zusammen, die bei rund 180.000 Frauen und knapp 70.000 Männern (Alter: 41 Jahre und darüber) die Auswirkungen von Kalzium auf Knochenbrüche untersucht hatten. Dabei zeigte sich: Mehr als 555 Milligramm Kalzium pro Tag senken die Gefahr von Oberschenkelhalsbrüchen nicht weiter, wie Prof. Dr. Heike Bischoff-Ferrari von der Universität Zürich feststellte. Dies steht nicht nur im Widerspruch zu allen gängigen Leitlinien, die älteren Erwachsenen zwischen 1.000 bis 1.500 Milligramm Kalzium am Tag empfehlen. Viel schlimmer aber war, was die Forscher bei der Analyse der Daten von klinisch kontrollierten Studien von über 5.600 Frauen nach den Wechseljahren (Alter: 58 Jahre und darüber) herausbekamen: Die Einnahme von Kalziumtabletten („Calcium-Supplementation“) erhöhte die Gefahr von Oberschenkelhalsbrüchen um immerhin 64 Prozent.

Milch-schützt-vor-Osteoporose-Theorie offenbar falsch
„Wäre die Milch-schützt-vor-Osteoporose-Theorie richtig, müsste der Knochenschwund dort besonders häufig sein, wo wenig Milch getrunken wird. Ist er aber nicht. Überrascht stellt Mark Hegsted, Professor für Ernährung an der Harvard Medical School fest, dass ‚Bevölkerungsgruppen, die wenig Calcium mit der Nahrung aufnehmen, offenbar vor Oberschenkelhalsbrüchen geschützt sind.’ Und weiter: ‚Schenkelhalsbrüche treten häufiger in Populationen auf, in denen viele Milchprodukte verzehrt werden und die Calciumaufnahme hoch ist.’“
zitiert aus: Pollmer U, Warmuth S: Lexikon der populären Ernährungs-Irrtümer. Eichborn Verlag, Frankfurt/Main, 2000.

Wissenschaftler und vor allem Ernährungsberater interessiert jetzt vor allem die Frage, warum ein Zuviel an Kalzium derart schädliche Auswirkungen haben kann. Verschiedene Hypothesen bieten Erklärungen – zum Beispiel führen kalziumreichen Lebensmittel oder Kalzium-Tabletten zu einer verringerten Phosphat-Aufnahme, was Knochenschwund bewirken oder verstärken kann. Umgekehrt zeigen neue Studien, dass Kalzium dann schadlos aufgenommen und in die Knochen eingebaut wird, wenn ausreichend Vitamin D vorhanden ist. In jedem Fall, so glauben Bischoff-Ferrari und ihre Forscherkollegen, dass jetzt endlich einmal untersucht werden sollte, wieviel Kalzium vor allem ältere Menschen denn wirklich benötigten und wie eine optimale Kombination mit Vitamin D aussehen müsste.

Das Kalzium-Dilemma bei Dialyse-Patienten
Sollen Dialyse-Patienten reichlich Kalzium zu sich nehmen, ergibt sich dieses Dilemma: Viele kalziumreiche Nahrungsmittel sind auch phosphatreich (Versteckte Phosphate: Eine Gefahr für Dialyse-Patienten). Doch ihre Ernährung soll phosphatarm sein ... Ein weiteres Dilemma: Millionenfach verwenden Dialyse-Patienten Phosphatbinder auf Kalziumbasis. Und die können die Kalzium-Stoffmenge im Körper stark erhöhen („Hyperkalzämie“). Abhilfe schaffen hier neue Phosphatbinder, die kein Kalzium enthalten, zum Beispiel aus dem Wirkstoff Lanthankarbonat (Kalziumfreie Phosphatbinder verlängern das Leben).

Kommentar Dialyse.de Rund 100 Millionen Euro setzte die Pharmabranche 2006 mit Kalziumpräparaten zur Osteoporose-Vorbeugung um [2]. Hinzu kommen Dutzende von Millionen freiverkäuflicher Kalziumpräparate oder -kombinationen. Da sich der Knochenschwund mit einem Zuviel an Kalzium nicht aufhalten lässt, sondern oftmals verschlimmert (siehe Bericht oben), müssen anschließend andere, teurere Medikamente eingesetzt werden. Und: Das Märchen von der „Kalzium-Lücke“ bei unserer Bevölkerung lässt eine kalziumhaltige „Knochen-Ernährung“ geradezu zwingend erscheinen. Praktisch erscheint dies bei der jahrzehntelangen, staatlich verursachten Überproduktion von „bovinen Milchdrüsen-Sekreten“ – kurz Kuhmilch – und Produkten daraus („Milchseen“, „Butterberge“). Für Dialyse-Patienten wird einmal mehr klar: Experten-Empfehlungen, auch wenn sie im gut geschmierten Einklang und dauerhaft vorgebracht werden, müssen nicht richtig sein. Erfahrung und Wissenschaft sind und bleiben somit Garanten der optimalen Patienten-Versorgung.

Autor

Rainer H. Bubenzer, Berliner Medizinredaktion, Februar 2008.

Quellen

  1. Bischoff-Ferrari HA, Dawson-Hughes B, Baron JA, Burckhardt P, Li R, Spiegelman D, Specker B, Orav JE, Wong JB, Staehelin HB, O'Reilly E, Kiel DP, Willett WC: Calcium intake and hip fracture risk in men and women: a meta-analysis of prospective cohort studies and randomized controlled trials. Am J Clin Nutr. 2007 Dec;86(6):1780-90 (Medline).
  2. Ziegler R, Schwabe U: Osteoporosemittel. In: Schwabe U, Paffrath D (Hrsg.): Arzneiverordnungs-Report 2007. 2008, Springer Medizin-Verlag, Heidelberg.
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