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Dialyse & Neues aus der Medizin

Mitten in Deutschland
Hunderttausende Schwerkranke sind mangelernährt

Nicht nur Dialyse-Patienten sind oft mangelernährt [1, 2], auch viele Patienten mit anderen Krankheiten. So ist etwa ein Viertel aller Krankenhaus-Patienten falsch ernährt, allen voran Krebs-Patienten [3]. Weil im medizinischen System hierauf nur wenig eingegangen wird, entstehen – neben erschütternden Patienten-Schicksalen, verringerter Lebensqualität oder verkürzter Lebenserwartung – auch gigantische Zusatzkosten für Kranken- und Pflegeversicherung, also für alle Versicherten. Nach einer Münchner Studie belaufen sich die jährlichen Kosten auf rund 9 Milliarden Euro, Tendenz deutlich steigend. Ein gezieltes Ernährungsmanagement, so die gesundheitsökonomische Untersuchung, kann dem Gesundheitssystem beträchtliche Kosten sparen und gleichzeitig die Lebensqualität der Betroffenen verbessern [4].

Teufelskreis der Mangelernährung

Teufelskreis der Mangelernährung

Mit freundlicher Genehmigung von Cepton, München.

Von den Gesamtkosten entfallen 5 Milliarden Euro auf den Bereich Krankenhaus sowie 2,6 Milliarden Euro auf den Pflegebereich. Weitere 1,3 Milliarden Euro entstehen im Bereich der ambulanten ärztlichen Versorgung. Die Kosten werden beispielsweise durch längere Verweildauern im Krankenhaus oder eine erhöhte Komplikationsrate mangelernährter Patienten verursacht. „Komplikationen, die zu einer erheblichen Verteuerung der Behandlung führen können, entstehen gerade bei mangelernährten chirurgischen Patienten auch infolge einer verminderten Immunabwehr“, erläutert Prof. Dr. Arved Weimann, Chefarzt Chirurgie des Städtischen Klinikums St. Georg in Leipzig und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin. Bis zum Jahr 2020 würden sich diese Kosten nicht zuletzt aufgrund der demografischen Entwicklung auf etwa 11 Milliarden Euro pro Jahr erhöhen, ergänzt Dr. Jürgen Bauer, Oberarzt Geriatrie am Städtischen Klinikum Nürnberg.

Trotz der großen wirtschaftlichen Bedeutung spielt Mangelernährung hierzulande in der öffentlichen Debatte, ganz im Gegensatz zu Adipositas, nur eine sehr untergeordnete Rolle – oder wird mit Hungersnöten in der Dritten Welt oder Magersucht assoziiert. „Dabei“, so Klaus W. Uedelhofen, Leiter der Studie, „gibt es medizinische Bereiche, in denen Mangelernährung eher die Regel als die Ausnahme ist.“ So zeigen beispielsweise bis zu 75 Prozent der Krebspatienten bereits zum Zeitpunkt der Erstdiagnose Zeichen einer Mangelernährung, abhängig von der Tumorart, -lokalisation und -stadium. Aber auch in der Geriatrie und der Abdominalchirurgie ist Mangelernährung weit verbreitet – und wird dennoch häufig nicht adäquat behandelt. „Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass lediglich ein Drittel aller mangelernährten Patienten mit gesonderten klinischen Ernährungskonzepten behandelt wird“, so Uedelhofen.

Die Ursache dafür, dass Mangelernährung nur selten behandelt wird, liegt teilweise daran, dass sie in Lebensbereichen auftritt, die an sich als bedrohlich empfunden werden (Alter, Krankheit, Krankenhaus). Außerdem entspricht das äußere Erscheinungsbild mangelernährter Patienten nicht immer unserer Vorstellung von abgemagerten Menschen.

Aus diesem Grund halten Uedelhofen und seine Mitautoren Aufklärung für dringend erforderlich – bei Politik, Medizin und auch Patienten. „Der Ernährungszustand ist ein Bereich, den die Patienten selbst aktiv beeinflussen können“, erläutert der Experte. Hierzu benötigen die Patienten jedoch Rückendeckung – von Ärzten und Ernährungsberatern, die gemeinsam mit ihnen Ernährungspläne aufstellen und von Politikern und Kostenträgern, die sich aktiv für ein flankierendes Ernährungsmanagement einsetzen. Und nicht zuletzt auch von ihren Angehörigen, die den nötigen Druck machen. Uedelhofen und seine Mitautoren plädieren daher für eine Wiederbesinnung auf eine ganzheitliche Medizin, in der die Ernährungssituation als Teil der Anamnese sowie im Qualitätsmanagement fest etabliert wird. „Schließlich“, so die Autoren, „lassen sich durch ganzheitliche Therapieansätze eindrucksvolle klinische Verbesserungen, Lebensqualitätsgewinne und sogar ökonomische Vorteile erzielen!“

Kommentar Dialyse.de Die jetzt publizierte, unter Mitwirkung der Bundesregierung erarbeitete „Nationale Verzehrstudie II“ [5] bestätigt alle für Ernährungs- und Gesundheitsindustrie vorteilhaften Vorurteile: Die Deutschen seien überwiegend zu dick, und im wesentlichen selbst daran schuld. Handelt es sich hierbei nur um die „übliche“ Politiker-Heuchelei oder ist diese Wirklichkeits-Verkennung geplante Absicht (im Interesse ungestörter Profite)? Essstörungen wie Anorexie und Bulimie – von Kritikern als fatale Folge der „Ernährungs-Aufklärung“ bezeichnet – machen schon unsere Kinder krank. Der Diätwahn treibt Millionen von Menschen in chronische Fehlernährung. Und es ist eben auch eine Katastrophe, dass kranke Mitmenschen, die unserer Hilfe am meisten bedürfen, regelrecht verhungern – vor den Augen jener, die wir als „Health Professionals“ teuer bezahlen. Es kann doch nicht angehen, dass niedergelassen Ärzte und Gesundheitsberater Angehörigen heute empfehlen müssen – mitten in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt! –, ihren kranken Familienmitgliedern im Krankenhaus Vitamin-, Mineralstoff- und Eiweiß-Präparate oder andere nährstoffreiche Aufbau-Nahrung mitzubringen, damit sie rasch wieder gesund werden und nicht an den Folgen einer systembedingten Mangelernährung kranken.

Autor

Rainer H. Bubenzer, Berliner Medizinredaktion, März 2008.

Quellen

  1. Takahashi N, Yuasa S, Fukunaga M, Hara T, Moriwaki K, Shokoji T, Hitomi H, Fujioka H, Kiyomoto H, Aki Y, Hirohata M, Mizushige K, Kohno M: Long-term evaluation of nutritional status using dual-energy X-ray absorptiometry in chronic hemodialysis patients. Clin Nephrol. 2003 May;59(5):373-8 (Medline).
  2. Cano NJ, Fouque D, Roth H, Aparicio M, Azar R, Canaud B, Chauveau P, Combe C, Laville M, Leverve XM; French Study Group for Nutrition in Dialysis: Intradialytic parenteral nutrition does not improve survival in malnourished hemodialysis patients: a 2-year multicenter, prospective, randomized study. J Am Soc Nephrol. 2007 Sep;18(9):2583-91 (Medline).
  3. Rosenbaum A, Piper S, Riemann JF, Schilling D: Mangelernährung bei internistischen Patienten - eine Screeninguntersuchung von 1308 Patienten mit Verlaufsbeobachtung. Akt Ernähr Med. 2007; 32:181-4 (DOI: 10.1055/s-2007-970921).
  4. Müller MC, Uedelhofen KW, Wiedemann UC: Mangelernährung in Deutschland - Eine Studie zu den ökonomischen Auswirkungen krankheitsbedingter Mangelernährung und beispielhafte Darstellung des Nutzenbeitrags enteraler Ernährungskonzepte. Cepton Verlag, München, 2007 (ISBN 978-3-00-022678-6).
  5. Bell S, Braun G, Brombach C, Eisinger-Watzl M, Götz A, Hartmann B, Heuer T, Heyer A, Hilbig A, Huth R, Korn L, Krems C, Möseneder J, Oltersdorf U, Pfau C, Pust S, Richter A, Siewe-Reinke A, Straßburg A, Tschida A, Vásquez-Caicedo AL, Wagner U: Nationale Verzehrsstudie II - Die bundesweite Befragung zur Ernährung von Jugendlichen und Erwachsenen (Ergebnisbericht Teil 1). Max Rubner-Institut (Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel), Karlsruhe, 2008 (Volltext, Daten).
LinklisteLinkliste
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Medizin-News
Medizin-News Hunderttausende Schwerkranke sind mangelernährt
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