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Dialyse & Neues aus der Medizin

Vitamin Niacin – ein neuer Phosphatbinder?

Trotz Dialyse, Phosphatbinder und Diät haben mehr als 50 Prozent der Dialysepatienten einen zu hohen Phosphatspiegel im Blut [1]. US-Forscher haben jetzt untersucht, ob neben den bekannten Phosphatbindern auch das Vitamin Niacin (Nikotinsäure, Nicotinamid, Antipellagra-Vitamin) dabei hilft, den Phosphatspiegel im Blut zu senken. Dabei stellte sich heraus, dass Phosphatbindern in Kombination mit Niacin die Phosphatspiegel erheblich besser senken kann, als mit einem Schein-Präparat („Placebo“). Zudem stiegen die Blutspiegel der „guten“ HDL-Blutfette deutlich an [2]. Die hierfür notwendige Dosierung (500 bis 1.500 Milligramm pro Tag) ist allerdings nicht mit Ernährungs-Umstellung sondern nur mit hochkonzentrierten Präparaten zu erreichen.

Niacin ist der Sammelname für Nicotinsäureamid und Nicotinsäure, die vergleichbare Vitamin-Wirksamkeit besitzen. Aus der Aminosäure Tryptophan kann im menschlichen Organismus Niacin gebildet werden.
Funktion Niacin ist in seiner Wirkform am Stoffwechsel von Kohlenhydraten, Eiweißen und Fetten beteiligt. Dabei nimmt es eine zentrale Stellung im Zellstoffwechsel ein und ist zur Energiegewinnung und für die Umsetzung der Hauptnährstoffe unentbehrlich.
Vorkommen Reich an Niacin sind Fleisch, Innereien, Fisch, Milch und Eier, sowie Kaffee. Pflanzliche Nahrungsmittel enthalten im allgemeinen geringere Mengen an Niacin oder in einer Form, die für den Menschen nicht verfügbar ist. Jedoch tragen auch Brot, Backwaren und Kartoffeln zur Niacin-Versorgung bei. Die Aminosäure Tryptophan ist Vorstufe von Niacin und kann im Körper in Niacin umgewandelt werden. Da jedoch Tryptophan in erster Linie zur körpereigenen Eiweißbildung herangezogen wird, ist die Umwandlung in Niacin eher gering: es werden etwa 60 mg Tryptophan benötigt, um 1 mg Niacin herzustellen.
Zufuhr Der tägliche Niacin-Bedarf wird auf 13-17 mg geschätzt. Er steigt mit zunehmender Energiezufuhr an. Im allgemeinen gilt der Niacin-Bedarf in westlichen Industrieländern als gedeckt. Auch bei Bevölkerungsgruppen, die einen erhöhten Bedarf haben, wie z. B. Schwangere, Stillende oder Schwerarbeiter. Nur in Ländern, bei denen vorwiegend Mais verzehrt wird, treten Niacin-Mangelerscheinungen in ausgeprägter Form auf. In Mais liegt Niacin in einer Form vor, die für den menschlichen Organismus nicht oder nur schlecht verfügbar ist. Außerdem enthält Maiseiweiß nur sehr wenig Tryptophan, so dass auch daraus kein Niacin gewonnen werden kann.

Nahrungs-Phosphate werden im Darm vom Körper aufgenommen. Dabei gibt es neben den wesentlichen passiven, auch aktive Transport-Mechanismen. Diese entsprechen einer Pumpe, die Phosphate in Richtung Blut befördert [3]. Diese vom Mengenelement Natrium abhängige Phosphat-Pumpe, so ist seit einigen Jahren bekannt, kann durch Niacin gehemmt werden. Erste japanische Studien betonten, dass der Ersatz calciumhaltiger Phosphatbinder durch Niacin möglich sein könnte, wodurch unerwünschte Nebenwirkungen dieser Präparate (übermäßige Verkalkung im Körper, erhöhtes Risiko von Herzkreislauf-Erkrankungen) vermeidbar würden [4]. Mittlerweile sind Präparate verfügbar, die sowohl aluminium- als auch calciumfrei sind, beispielsweise Lanthancarbonat (Fosrenol®) als neuestes Produkt aus dieser Gruppe. Eine Zulassung für Niacin-Hochdosis-Vitaminpräpate gibt es in Deutschland nur zur Behandlung von Fettstoffwechselstörungen, bei denen andere Wirkstoffe (zum Beispiel Statine) versagen und nicht eingenommen werden können.

Kommentar Dialyse.de Niacin zur Kontrolle des Phosphatspiegels hat sicher gegenüber den neuen aluminium- und calciumfreien Phosphatbindern den entscheidenden Nachteil, das es vom Körper aufgenommen wird und eine Vielzahl von unerwünschten Gesundheitsproblemen macht. Allen voran sind schwere Leberschäden möglich. Trotzdem zeigen die vorgestellten Forschungen, dass Wissenschaftler an dem in der Praxis oft noch ungelösten Problem der Hyperphosphatämie von Dialyse-Patienten weiter arbeiten. Auch wenn Niacin also nicht die endgültige Lösung des Hyperphosphatämie-Problems ist, könnte es doch zukünftig bei einigen Patienten eine therapieunterstützende Bedeutung bekommen [5].

Autor

Rainer H. Bubenzer, Berliner Medizinredaktion, April 2008.
Bildquelle: www.sxc.hu

Quellen

  1. Kuhlmann MK: Practical approaches to management of hyperphosphatemia: can we improve the current situation? Blood Purif. 2007;25(1):120-4 (Medline).
  2. Cheng SC, Young DO, Huang Y, Delmez JA, Coyne DW: A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled Trial of Niacinamide for Reduction of Phosphorus in Hemodialysis Patients. Clin J Am Soc Nephrol. 2008 Apr 2 (Medline).
  3. Cross HS, Debiec H, Peterlik M: Mechanism and regulation of intestinal phosphate absorption. Miner Electrolyte Metab. 1990;16(2-3):115-24 (Medline).
  4. Takahashi Y, Tanaka A, Nakamura T, Fukuwatari T, Shibata K, Shimada N, Ebihara I, Koide H: Nicotinamide suppresses hyperphosphatemia in hemodialysis patients. Kidney Int. 2004 Mar;65(3):1099-104 (Medline).
  5. Müller D, Mehling H, Otto B, Bergmann-Lips R, Luft F, Jordan J, Kettritz R: Niacin lowers serum phosphate and increases HDL cholesterol in dialysis patients. Clin J Am Soc Nephrol. 2007 Nov;2(6):1249-54 (Medline).

Informationen bei Dialyse.de

  • Phosphatbinder - notwendig für Dialysepatienten
  • Lanthancarbonat - Neueste Alternative zur Phosphat-Bindung
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