
Nieren-Erkrankungen
Screening und Früherkennung sind Grundlagen optimaler Versorgung
Ivan Klasnic (28, Bundesliga-Profi):
Millionenklage gegen Ärzte wegen
mangelhafter Früh-Erkennung der Nierenschwäche
Eigentlich gilt der Grundsatz „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“ auch in der Medizin. Doch wenn auch viele Nierenfachärzte lauthals vor den Gefahren von Übergewicht, zu spät behandelten Bluthochdruck oder Diabetes warnen, erreichen Vorbeuge-Mahnungen der Experten kaum jemals die „noch“ Gesunden. Aber selbst wenn eine Nierenerkrankung im Anmarsch ist, wird diese oft erst spät erkannt. Bei dem diesjährigen Kongress der Europäischen Nierengesellschaft in Stockholm beschäftigten sich viele Fachvorträge schwerpunktmäßig mit dem wichtigen Thema „Früherkennung von Nierenkrankheiten“.
Berichterstattung durch Privat-Dozent Dr. med. Karl Wagner, Hamburg, Mai 2008.
Unter Vorsitz des Nephrologen Prof. Dr. Eberhard Ritz, Heidelberg, diskutierten internationale Experten über die Frage, welche Programme zur Früherkennung von Nierenkrankheiten bei welchen Personen, auf welche Weise, wann und wie oft durchgeführt werden sollen. Einigkeit bestand in der Wahl der Methodik, die optimalerweise aus einer Kombination von Blut- und Urinuntersuchungen bestehen sollte. Im Blut sollte das Serum-Kreatinin bestimmt werden, aus dem sich dann unter Benutzung verschiedener Formeln die Filterleistung der Nieren berechnen ließe. Im Urin wird die Eiweis-Ausscheidung bestimmt, wobei längere Sammelperioden nicht notwendig seien. Es reiche eine Bestimmung des „Spontan-Urins“ aus. Früherkennungs-Programme müssen möglichst gezielt eingesetzt werden. Dies bedeutet, dass die Untersuchung vordringlich bei den Menschen eingesetzt werden soll, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Nierenerkrankung haben.
Ein Screening muss daher so eingesetzt werden, dass die Trefferquote relativ hoch ist. Der Nierenfacharzt Dr. Stein Hallan aus Trondheim/Norwegen verdeutlichte dies an Hand einer Untersuchung der männlichen Bevölkerung in Nord-Norwegen: Würden alle Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren untersucht, hätte man nur bei jeder 80. Untersuchung einen Treffer. Würde man hingegen nur jene Patienten auf mögliche Nierenprobleme untersuchen, die an einem Bluthochdruck und/oder an Diabetes leiden, könnte bei jedem 5. bis 6. Patient eine Nierenerkrankung gefunden werden. Hieraus kann allgemein der Schluss gezogen werden, alle Patienten mit Bluthochdruck und/oder Diabetes mellitus mindestens einmal jährlich auf Nierenerkrankungen zu screenen.
Der Nephrologe Dr. Paul Stevens, Canterbury/Großbritannien, erläuterte das vorbildliche Früherkennungs-Programm im Vereinigten Königreich. Eine wichtige Voraussetzung für das Programm war die elektronische Vernetzung der Allgemeinärzte („Hausärzte“) mit den großen, staatlichen Laboreinrichtungen. Wenn nun das Laborsystem einen auffälligen Nierenwert erkennt, wird der Hausarzt bei der elektronischen Übermittlung der Laborwerte gesondert darauf aufmerksam gemacht. Der betreuende Hausarzt kann dann sofort, ebenfalls auf elektronischem Wege, weitere Handlungs-Empfehlungen zur jetzt möglicherweise anstehenden Diagnostik und Therapie abrufen. Und in besonders gelagerten Fällen wird er auf die Notwendigkeit zu Überweisung des Patienten an Spezialisten hingewiesen („computer based Clinical Decision Support System – CDSS“). Ohne ein solche medizinische Entscheidungs-Hilfe bei der ärztlichen Grundversorgung ergäbe sich die Schwierigkeit, so Stevens, dass – zumindest in England – die nephrologischen Spezialisten hoffnungslos überfordert wären, müssten sie alle potentiell nierenkranken Patienten selbst begutachten (das wären über 100.000 pro eine Million Einwohner). Letztendlich käme es für Nephrologen vordringlich auf die frühzeitige Erkennung und Versorgung jener Patienten an, die später einmal an die Dialyse müssten und dies seien „nur“ 700 pro eine Million Einwohner. Zur Zeit werden an einem System gearbeitet, das die allgemeinärztliche Erkennung dieser Patienten noch weiter verbessert und damit noch gezieltere Überweisungs-Empfehlungen an die Spezialisten erlaubt.
Der Kinder-Nephrologe Prof. Dr. Guido Filler aus London/Kanada wies daraufhin, dass zukünftig verstärkt auf Probleme geachtet werden müsse, die mit der Organentwicklung im Mutterleib, den Geburtsumständen und der frühkindlichen Entwicklung zusammenhängen. Er wies darauf hin, dass das Risiko einer Frühgeburt mit zunehmendem Übergewicht der Mutter steige. Durch eine Frühgeburt wird aber die natürliche kindliche Organentwicklung der Nieren vorzeitig abgebrochen und die Nieren können die vorgesehenen Filterfähigkeiten nicht vollständig ausbilden. Käme dann – besonders im Kindesalter – ein deutliches Übergewicht hinzu („man denke auch dabei an die Mutter“), so seien die Nieren schon in jungen Jahren überfordert. Bluthochdruck und Nierenerkrankung seien die Folge. Filler plädierte dafür, effektive Früherkennungs-Programme auch für diese Risikogruppe zu entwickeln.
Autor
Privat-Dozent Dr. med. Karl Wagner, Hamburg, Mai 2008.
Quellen
- Bildquelle: Wikipedia
- Bericht vom 45. ERA-EDTA (European Renal Association – European Dialysis and Transplant Association)-Kongress. Stockholm, 10.-13. Mai 2008 .
Abkürzungen und Begriffe
| Screening | Beim Screening als Reihenuntersuchung handelt es sich um eine medizinische Untersuchung bei vielen Menschen. Diese soll auf einfache Weise möglichst frühzeitig Angaben machen, ob Risikofaktoren für eine bestimmte Krankheit existieren (siehe „Vorsorge“) oder die Wahrscheinlichkeit des Vorliegens einer bestimmten Krankheit erhöht ist (siehe „Früherkennung“). Werden dabei Anhaltspunkte für ein wahrscheinliches Auftreten der betreffenden Krankheit erkennbar, sind zur Klärung meist weitere diagnostische Untersuchungen notwendig. Grundsätzlich haben Screeningprogramme das Ziel, die Lebenserwartung der Untersuchten bei lebensbedrohenden Krankheiten zu erhöhen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. |
| Früherkennung | Früherkennungs-Maßnahmen dienen dem frühzeitigen Erkennen einer bereits vorliegenden Erkrankung. Sinnvoll ist dies immer dann, wenn die frühzeitige Erkennung und Behandlung einer Krankheit vorteilhaft für den Verlauf ist. Dies gilt zum Beispiel für Nieren-Erkrankungen im Verlauf von Bluthochdruck oder Zuckerkrankheit. Bei anderen Krankheiten streiten die Experten über den Nutzen der vorgeschlagenen Früherkennungs-Maßnahmen (zum Beispiel der Nachweis des sog. prostataspezifischen Antigens, PSA, hinsichtlich Prostata-Karzinom). |
| Vorsorge | Unter Vorsorge im eigentlichen Sinn sind Maßnahmen zu verstehen, die der Vorbeugung von Erkrankungen dienen („Prophylaxe“). Oft werden Früherkennung und Vorsorge miteinander verwechselt. Beispiele: Die öffentlich empfohlene Brust-Mammographie dient der Früherkennung von – bereits vorhandenem – Krebsgewebe in der Brust. Beim frauenärztlich durchgeführten Abstrich vom Gebärmutterhals sollen hingegen Zellveränderungen entdeckt werden, die im schlimmsten Fall eines Tages zu Gebärmutterhalskrebs („Zervixkarzinom“) führen könnten. Die vorsorgliche Entfernung dieses Gewebes verhindert den Krebs-Ausbruch, wirkt also vorbeugend. |
| ERA-EDTA | European Renal Association – European Dialysis and Transplant Association (Website http://www.era-edta.org). |

