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Problematisch: Weltweiter Anstieg chronischer Nierenerkrankungen

Im Rahmen des Jahreskongresses des Europäischen Nierenverbandes und des Europäischen Dialyse und Transplantationsverbandes (European Renal Association und European Dialysis And Transplant Association - ERA-EDTA) beschäftigen sich Fachleute mit der Frage, ob chronische Nierenerkrankungen eine wachsende Herausforderung für das Gesundheitssystem sind.

Prof. Dr. Christoph Wanner
Prof. Dr. Christoph Wanner

Um die Antwort kurz und bündig vorweg zu nehmen, sie lautet Ja! So zeigte zu Beginn einer Pressekonferenz Prof. Dr. Christoph Wanner, Präsident des XLVII. ERA-EDTA-Kongresses auf [1], dass der weltweite Anstieg der Zahl nierenerkrankter Menschen sogar dramatisch ist. Damit einhergehend ebenso der Kostenanstieg, der von den Gesundheitssystemen bewältigt werden muss. Die Gründe für die Zunahme der Nierenerkrankungen sind vielgestaltig: Da der Nierenfunktionsverlust unter anderem eine Alterserscheinung ist, steigen durch die allgemeine demographische Entwicklung die Zahlen betroffener Älterer ebenso an. Eine andere Ursache des Anstiegs von Nierenerkrankung geht mit der massiven Ausbreitung sogenannter Wohlstandserkrankungen einher: „Wir beobachten, dass Diabetes mellitus, Bluthochdruck und Fettleibigkeit (Adipositas) in den letzten Jahren in den industrialisierten Ländern weiter zugenommen haben“, berichtet Wanner. So litten im Jahre 2007 weltweit 246 Millionen Menschen an Diabetes mellitus Typ II (Erwachsenen-Diabetes). An Bluthochdruck ist zum Beispiel in Deutschland mittlerweile sogar jeder fünfte Erwachsene erkrankt. „Leider nehmen viele Menschen ihren Bluthochdruck nicht wahr oder gehen wegen der nur als Unpässlichkeiten empfundenen Störungen nicht rechtzeitig zum Arzt“, bedauert Wanner. „Die meisten wissen genauso wenig, dass Bluthochdruck eine ernst zu nehmende Erkrankung mit schwerwiegenden Folgen wie Nierenversagen (chronische Nierenerkrankung – auf englisch chronic kidney disease – CKD), Herzinfarkt oder Schlaganfall sein kann.“

Die in den Industrieländern tätigen Nephrologen betrachten diese Tendenz mit großer Sorge. Sie fordern weltweit innerhalb ihrer Fachgesellschaften dringend Maßnahmen. So auch Wanner. Er führt an, dass eine Stärkung des Bewusstseins für Nierenerkrankung und ihre Vorbeugung innerhalb der Gesellschaft nötig sei. Ebenso sind regelmäßige „Nierenchecks“ wichtig wie auch die Sensibilisierung von Diabetikern und Patienten mit Bluthochdruck für ihre Erkrankung und den möglichen schwerwiegenden Folgen.

Prof. Dr. Reinhard Brunkhorst
Prof. Dr. Reinhard Brunkhorst

Prof. Dr. Reinhard Brunkhorst, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) führte aus, wie den Nierenerkrankungen am besten zu begegnen sei: „Die Früherkennung chronischer Nierenerkrankungen ist einfach, tut nicht weh und kostet wenig“, so Brunkhorst. „Sie ist sogar im Vorsorgepaket der Kassen enthalten (35+ Check up-Untersuchungen) und wird vom Hausarzt durchgeführt“. Stellt sich bei einem solchen Check-up heraus, dass die Nierenfunktion eingeschränkt oder die Eiweiß-Ausscheidung erhöht ist, wird der Hausarzt an einen Nephrologen überweisen. Dieser nimmt anschließend weiterführende Untersuchungen zur Abklärung vor. Es gibt sogar gute Nachrichten: Früh erkannte Nierenerkrankungen können in der Regel sehr gut behandelt werden, betonte Brunkhorst. Und selbst bei fortgeschrittener Erkrankung könne manchmal sogar eine Nierenersatztherapie ganz verhindert werden. Wo dieses nicht mehr möglich sei, könne der Start der Dialysetherapie häufig hinausgezögert werden.

Die CKD-Früherkennung ist wegen ihrer einfachen und effektiven Durchführung als Vorsorgeuntersuchung unumstritten. Brunkhorst bedauert jedoch, dass die Nierengesundheit trotzdem gerne „übersehen“ werde. Er führte als Beispiel an, dass viele Menschen zwar ihre Cholesterinwerte kennen, ihre „Nierenwerte“ hingegen nicht. Die DGfN arbeitet daran, die Bedeutung von Nierenwerten bekannter zu machen, auch auf verschiedenen Ebenen in der Öffentlichkeit: Ziel ist es, ein sogenanntes „Nieren-Bewusstsein“ in der Bevölkerung zu verankern. Zur Umsetzung dieses anvisierten Ziels arbeitet der DGfN unter anderem mit der Deutschen Nierenstiftung zusammen. Geplant ist eine Veranstaltungsreihe, mit der zukünftig bundesweit Hochdruckpatienten und Diabetiker geschult werden sollen. Durch gezielte Informationen und eines entsprechenden Problembewusstseins werden diese Patienten dann rechtzeitig und von sich aus nephrologische Untersuchungen durchführen lassen.

Um den immer weiter steigenden CKD-Kosten wirksam zu begegnen, sieht Brunkhorst großen Handlungsbedarf: Wünschenswert wäre deshalb auch, wenn sich Kassenärztliche Vereinigungen, Krankenkassen sowie Politiker zukünftig für Vorsorgeprogramme einsetzen würden.

Autorin

Marion Kaden, Berliner Medizinredaktion, Berlin, Juli 2010

Quellen

  1. Eröffnungs-Pressekonferenz ERA-EDTA/ DGfN 2010: Chronische Nierenerkrankungen – eine Herausforderung für das Gesundheitssystem. 25.6.2010, München, Hotel „Le Meridien“.
    Bildquelle: NephroQUEST
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