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Dialyse & Neues aus der Medizin

Buchbesprechung: Ich liebe jeden Tag

Ich liebe jeden Tag

Heiraten, Kinder bekommen und ein ganz normales Leben führen. Ein Traum, der für die 13jährige Kirsten Polcher, unerfüllbar scheint. Denn der Jugendlichen wird eine schwere Nierenschädigung diagnostiziert, die ein Leben an der Dialyse nötig macht. Als junge Erwachsene erinnert sich Polcher an die vielen Stationen ihrer Leidensgeschichte und schreibt diese in einer Art Tagebuch nieder.

Was die Autorin erleben musste, geht beim Lesen manchmal unter die Haut: Da sind die nicht enden wollenden groben, verletzenden Untersuchungen der Ärzte, die in der Jugendlichen und später der jungen Frau einfach nur „Patientengut“ oder „Menschenmaterial“ sehen. Auch das Pflegepersonal scheint keine mitfühlenden Fähigkeiten zu besitzen. Trotz offensichtlicher Schmerzen und ihrer Angst wird dem Mädchen beispielsweise nur empfohlen, sich zusammen zu reißen. Polcher muss früh lernen, mit ihrer Einsamkeit und Verzweiflung allein fertig zu werden. Denn auch ihre Eltern sind von der Situation mit der schwer kranken Tochter überfordert und trennen sich.

Polcher erinnert sich an wesentliche Etappen, die geprägt sind von zahllosen Krankenhausaufenthalten. Da die Dialysetechnik damals noch nicht so ausgereift war, musste sie viele Kämpfe bestehen. Sie schildert ihre Hoffnungen, Ängste, Schmerzen, tiefe Gefühle des ausgeliefert seins. Sie schreibt, wie es so schön heißt „wie ihr der Schnabel gewachsen ist“, wobei auch Anklagendes zum Vorschein kommt. Häufiger macht das Buch einen unstrukturierten Eindruck. Es scheint auch ohne Hilfe eines Lektors entstanden zu sein. Das ist schade, denn die manchmal nur aneinandergereihten Passagen von Untersuchungen und ihren unmittelbaren Folgen sind ermüdend. Auch die medizinischen Begriffe, die für Dialysepatienten zum Alltag gehören, sind für Nichtbetroffene kaum nachvollziehbar und bedürften eigentlich Erklärungen.

Polcher werden zwei Organtransplantationen ermöglicht. Immer wieder schimmert ihr eiserner Überlebenswille im Erzählen durch. Sie meistert sämtliche Phasen ihrer Erkrankung allen Krisen und Widersachern zum Trotz. Sie versucht sogar, in ihrem erlernten Beruf als Erzieherin zu arbeiten. Auf den letzten etwa zwanzig Seiten geht es um den Lebenswunsch der Autorin, ein eigenes Kind zu haben und seiner Verwirklichung. Mit ihrem Lebenspartner bekommt Polcher einen Sohn. Das Buch endet mit der Geburt und Entlassung des Kindes aus dem Krankenhaus. Für Leser ist das Ende abrupt. Spannend wäre nun zu erfahren, wie das Leben der jungen Familie weitergeht: Wie wird der Alltag mit Kind bewältigt, der manchmal schon für Gesunde eine Herausforderung ist? Oder: Ist dem Kind nach den erheblichen medizinischen Maßnahmen ein gesundes Leben überhaupt möglich?

Das Buch ist autobiografisch zu verstehen und ohne Anspruch. Es ist erzählend, nie selbst reflektierend. Es fehlen zum Beispiel innere Auseinandersetzungen darüber, dass die Entscheidung für das Kind ebenso zu seinen Lasten sein kann. Auch Selbstzweifel kommen nicht zum Ausdruck: Wie geht es zum Beispiel weiter, wenn die Niere der Autorin unter der zusätzlichen Belastung nicht funktioniert? Diese ethischen Fragen bleiben ausgeklammert. Schade, denn sie könnten für junge Dialysepatienten hilfreich sein, die sich in einer ähnlichen Situation sehen.

Polcher, Kirsten: Ich liebe jeden Tag.
Buchverlag Andrea Schmitz. Egestorf 2010.
Erstauflage März 2010, 16,50 €.
Kostenfreie Lieferung durch Amazon.

Autorin

Marion Kaden, Berliner Medizinredaktion, Oktober 2010.

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